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Von Adenau bis Ahrbrück

Meine erste Fahrt nach der Flut entlang der Ahrstrecke bis zum Ahrbogen bei Ahrbrück. Im Kofferraum habe ich einige Hilfsgüter aus den Spendenlagern in der Turnhalle der Realschule+ und der Hocheifelhalle in Adenau – Desinfektionsmittel, Schlafsäcke für die Helfer, Mückenspray, Babynahrung, Pampers, Hygieneartikel. In Hönningen, Pützfeld und Ahrbrück kann ich sie abladen.

In Hönningen wirkt die Lage bemerkenswert gut organisiert: Mitten im Ortskern hat sich eine Art Informations- und Hilfecamp gebildet. Hier gibt es Informationen und gut sortierte Sach- und Lebensmittelspenden, auf die alle zugreifen können. Ne, Babynahrung braucht man hier nicht. „Hier im Ort gibt es keine Säuglinge mehr“, sagt mir eine der Organisatorinnen. Vielleicht hätte ich in Pützfeld mehr Glück damit, da gäbe es einige junge Familien mit Kindern. Gespendete Schlafsäcke für die Helferinnen und Helfer, die hier spontan ankommen und dann für die Nacht eine Bleibe suchen, nimmt man mir dagegen gern ab.

Für die Hönninger wird es nun lange Zeit wieder ein längst überstanden geglaubtes Problem geben: Der Durchgangsverkehr der Bundesstraße wird wieder mitten durch den Ort rauschen, denn die Umgehungsstraße ist durch die Ahr schwer beschädigt worden. Die äußere Fahrbahn ist nicht mehr zu gebrauchen.

In Ahrbrück ist die Verwüstung so groß und der Unrat so ineinander verkeilt, dass ein Räumpanzer der Bundeswehr in Aktion tritt und einige Autos aus dem Geröll neben der Kirche ziehen muss. Ich bin benommen von der ganzen Zerstörung, die ich sehe. Auf der anderen Ahrseite liegen Bäume und herangespülte Campingwagen kreuz und quer. In einem der Häuser an der Bundesstraße räumen ein paar junge Leute einige Räume leer, mittendrin steht eine Ritterrüstung. „Wir sind gar nicht von hier, sondern helfen einer Verwandten dabei, das Haus auszuräumen“, erzählt mir eine der jungen Frauen. Die Rüstung habe früher in einer Ecke des Raumes gestanden. Sie habe sie nach vorne gestellt, damit es wenigstens irgendetwas gebe, das die Leute zum Lächeln bringe.

Wie im Bienenschwarm geht es ein paar Kilometer in Richtung Kesseling zu, wo in der Schule eine Art Versorgungsstation für alle Bewohnerinnen und Bewohner und die Hilfskräfte entstanden ist. Hier gibt es warmes Essen, Medizin, Sachspenden aller Art. Als ich den Cheforganisator frage, mit welchen Spenden wir ihm aus Adenau noch helfen könnten, fällt ihm nur eine Sache ein, die er hier noch nicht vorrätig hat: Mückenspray. Das ist bei dem Aufräumarbeiten in der Hitze im Matsch dringend nötig.

Ich fahre weiter zum Backes in Pützfeld, wo auch eine Spendenausgabestelle sein soll. Ich frage eine ältere Dame nach dem Weg und komme mit ihr ins Gespräch. Es ist ihr peinlich, dass sie nur einen überschwemmten Kellerraum in ihrem Haus hatten. Angesichts der grausamen Zerstörung ein paar hundert Meter weiter nach Ahrbrück hinein, scheint ihr das kaum der Rede wert. Es bedrückt sie, dass sie und ihr Mann nicht dort bei den Aufräumarbeiten mithelfen können, beide wären körperlich nicht dazu in der Lage. Ob man über sie deshalb schlecht sprechen würde? Sie selbst habe sich erst nach ein paar Tagen hinunter in der Ort getraut – und dann einen Nervenzusammenbruch bekommen. Mir wird klar, dass nicht nur die hier dauerhaft viel Trost und Zuspruch brauchen werden, die die größten Zerstörung erleiden mussten.

Im Backes von Pützfeld ist es still. Auch hier sind Essenspenden aller Art wie in einem Einkaufsladen sauber aufgereiht und wer etwas benötigt, kann sich bedienen. Grade ist niemand da, die Tür steht auf. Ich lasse einen Karton mit Babynahrung und Desinfektionsmitteln da und fahre zurück nach Adenau.

Die schlammverschmierte Bundesstraße 257 in Ahrbrück. Das Haus, das hier stand, wurde mitsamt der Familie, die hier lebte, weggespült.

Carmen Molitor

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