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Im Container

Deutschlands erste inländische Klimaflüchtlinge leben auf einem schmalen Streifen Wiese in einem sterilen Containercamp am Rande des Flugplatzes bei Mendig, 35 Kilometer von Ahrweiler entfernt. Sie wohnten zuvor im Ahrtal und haben ihre Wohnung und ihr ganzes Hab und Gut verloren. Es sind Flutopfer, von denen manche vorher schon Kriegsopfer waren.

Tristesse auf unbefestigtem Gelände: Das Containercamp in Mendig.

Die junge Mutter wird bejubelt, als sie mit einem Eimer voller Trinkwasser an dem ihr zugewiesenen Container ankommt. Eine ganz schöne Schlepperei an diesem warmen Tag vom Toilettencontainer über den Platz bis hierhin. Die Tür steht auf, ein Wäscheständer und etwas Spielzeug sind davor zu sehen, außer der kleinen Familie ist an diesem Nachmittag alles menschenleer. Dabei leben in den 160 Containern schon einige jetzt obdachlose Menschen von der Ahr. Die drei Kinder der 28-jährigen Frau – der Sohn ist sieben, die Töchter vier und zwei Jahre alt – hatten schon ungeduldig auf sie gewartet. Sie tauchen sofort die Hände ins kühle Wasser und planschen darin herum.

Im Container selbst gibt es keinen Wasseranschluss, keine Toilette, geschweige denn eine Dusche oder eine Küchenzeile. Um den Eimer Trinkwasser zu besorgen, musste die Mutter quer über eine unbefestigte Wiese zu den gemeinschaftlichen Sanitäranlagen des Camps gehen. Die kleinen Töchter schaffen den Weg zur Gemeinschaftstoilette oft nicht so schnell, deshalb hat sie ein lila Plastiktöpfchen in den Raum gestellt, auf das sie sich setzen können, bevor ein Malheur passiert.

Vier Betten für die fünfköpfige Familie. Ansonsten gibt es nicht viel in dem Wohncontainer.

Ihr Zuhause ist auf unbestimmte Zeit ein einziger Raum und er wirkt wie die Bürocontainer auf einer Großbaustelle, weil er wohl vorher als genau das diente: Er ist sauber-weiß, hat zwei Fenster, einen Tisch, ein paar Stühle, einen kleinen Kühlschrank, zwei hohe Schränke und ein Sideboard. Es gibt Strom, eine Klimaanlage und Internet. Hier kann man sicher gut über Bauplänen brüten. Aber hier – womöglich monatelang – mit drei Kindern wohnen?

Die Mutter zuckt die Schultern. Es wird schon gehen. Es muss.

Sie hat eine kleine Kochplatte besorgt, weil die Kinder das Mittagessen, das täglich vom DRK in einem großen Zelt am anderen Ende des Camps ausgegeben wird, nicht mögen. Außerdem stehen vier Betten in dem Container – sie sind zu fünft. Ihr Mann ist grade zum Arbeiten weg.

Die Wohnung in Heimersheim, einem Ortsteil der Kreisstadt Bad Neuenahr-Ahrweiler, ist seit der Flut zerstört. Die Familie hat die Nacht auf dem Dach überlebt. „Das war schrecklich“, sagt sie knapp. Nach ein paar anderen Stationen sind sie nun seit zwei Wochen in diesem Camp, das die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) des Landes Rheinland-Pfalz Flutopfern als Notunterkunft anbietet.

Es ist ein Ort zum Fremdschämen, finde ich. Natürlich hat man hier ein Dach über dem Kopf. Aber: Gab es wirklich keine Alternative, den ohnehin schwer getroffenen und teilweise traumatisierten Menschen – Alten, Kindern, Familien – eine Unterkunft bereitzustellen, die zumindest mit Wasseranschluss und eigener Toilette ausgestattet ist und näher an ihrem einstigen Wohnort liegt, wo Job, Kindergarten oder Schule auch ohne Auto erreichbar sind? Konnte sich niemand bei der Planung dieser Containeransammlung in die Lage der Menschen hineinversetzen, die hier ankommen? Was für ein Gefühl hat man wohl, wenn man nach all den schrecklichen Erlebnissen hier, gleich neben einer lauten Bundesstraße, strandet? Sie hätten Besseres verdient. Und soviel ich weiß, sind Millionen an Spendengeldern da, weil viele im Land Mitleid und Solidarität für diese Menschen empfinden. Und da ließ sich nichts anderes organisieren? Es sind auch hier wieder freiwillige Helferinnen und Helfer aus dem Ort, die in die Bresche springen, und als Patinnen und Paten die Campbewohner beraten und begleiten.

Die junge Familie fängt ihr Leben bei Null wieder an. Fast bei Null, denn immerhin hat ihr Ehemann seinen Job bei Haribo in Ringen behalten, da, wo in der Nähe tausende Menschen mit dem Helfer-Shuttle ins Ahrtal fahren, um anzupacken. Er muss sehen, wie er von hier aus jeden Tag pünktlich zur Arbeit kommt.

Die junge Frau beklagt sich nicht über die Wohnsituation, und lächelt. „Wenn es meinen Kindern gut geht, geht es mir auch gut.“ Den Kindern geht es körperlich gut, aber es ist langweilig hier, sie haben kaum Spielkameraden. Der Siebenjährige sollte um diese Zeit eigentlich in der Schule sitzen, ein Kind aus einem Nachbarcontainer tut das auch, erzählt die Mutter. Sie weiß aber nicht so recht, wie sie das organisieren soll, hier am Rande von Nirgendwo.

Was sie grade am meisten braucht ist das, was alle Geflüchteten der Welt nötig haben: „Eine Wohnung für uns.“ Erst damit wäre ein Neuanfang möglich. Die Wohnung muss in der Nähe der Arbeit ihres Mannes sein. Aber da suchen grade viele. Die Aussichten für die Familie auf dem Wohnungsmarkt sind schlecht. Aber die junge Frau verliert den Mut nicht. Sie hat schon Schlimmeres erlebt. Vor sechs Jahren floh die Familie aus Aleppo in Syrien.

Just zu der Zeit, als ich im diesem Camp bin, spricht Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ein paar Kilometer weiter bei dem offiziellen Staatsakt für die Opfer der Flutkatastrophe am Nürburgring. „Ich bin gekommen, um Ihnen zu sagen: Wir stehen an Ihrer Seite. Wir wissen, dass in Ihrem Leben nichts mehr ist, wie es war. Aber Sie sollen wissen: Auf Ihrem Weg zurück ins Leben lässt Sie Ihr Land nicht allein“, sagt er. Ich gestehe ihm zu, dass er es ehrlich meint und er kann natürlich persönlich nichts für die kalten und beschämenden Zustände hier. Aber wenn ich mich in diesem hingeknallten Containercamp umsehe, klingen diese Worte hohl.

Das Camp am Rande des Flugplatzes von Mendig dient als Notlager für die Flutopfer des Landes im Herbst und Winter.

Carmen Molitor

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