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Sag mir, wo die Blumen sind

Sechs Wochen nach der Flut in Fuchshofen: Eine gebeugte, ältere Frau gräbt aus einem wüsten, gut anderthalb Meter hohen Schutthaufen vor ihrem Haus im Ahrweg vorsichtig Blumenzwiebeln aus und legt sie in eine blaue Plastikkiste. Es ist eine bestimmte Sorte ihrer Dahlien, die sie besonders mag. Lachsfarben, sagt sie. Als „Königin des Spätsommers“ hätte diese Blume jetzt ihre beste Zeit gehabt. Die Zwiebeln sind voller Matsch und teilweise faulig aufgeweicht. „Vielleicht werden sie ja noch mal was“, sagt die Frau, ohne wirklich überzeugt zu wirken.

Bei den Häusern im Ahrweg sieht man genau, bis wohin die Ahr in der Flutnacht stand.

Ihr Garten habe in diesem Jahr schön ausgesehen, die Apfelbäume hätten eine gute Saison gehabt. Wo denn ihr Garten sei, frage ich. Sie schaut mich an und deutet auf den Schutthaufen und das grob aufgebaggerte und platte Ahrufer. Kein Pflanzenrest, kein Grün ist zu sehen. „Hier“, sagt sie.

In der Flutnacht haben sie und ihr Mann sich mit Katze und Hund zu den Nachbarn gerettet, die ihr Haus ein paar Meter oberhalb des ihren besitzen. Von hier hörten sie das angsteinflößende Anschlagen der dicken, weggerissenen Baumstämme an die Häuser und sahen zu, wie das Mobiliar aus Haus und Garten von den Fluten in grotesker Weise herumgeschleudert wurde. Jetzt stinkt das Haus nach dem Öl, das aus dem Tank im Keller auslief und es gibt Schimmel an den Wänden. Sie schlafen dort nicht mehr. „Das muss man alles erst einmal verkraften“, sagt sie. Eigentlich hat sie im Haus genug zu tun, aber der Gestank ist übel und sie muss einfach mal ein bisschen an die Luft.

Fünf Wochen hatten sie in Fuchshofen kein Mobilfunknetz, erzählt mir der Bürgermeister. Das machte es noch mühsamer, die Krise zu managen. Genauso wie die Tatsache, dass von den rund 100 Menschen, die hier leben, mehr als die Hälfte über 60 Jahre alt sind.

Vor den betroffenen Häusern an der Ahrseite türmen sich Müllberge auf, aber die Häuser sind inzwischen weitgehend leer. Immer noch ist der Ort nur auf langen Umwegen zu erreichen: Alles muss über den kleinen, sehr kurvenreichen Weg über den Berg Richtung Reifferscheid rein- und rausfahren. Zwar kann man die eigene Ahrbrücke passieren, kommt dann aber auf der Landstraße nicht weit. Die Wege nach Antweiler und Wershofen sind gesperrt, die Ahrbrücke nach Schuld ist nur zu Fuß passierbar und wird grade von einigen Fachleuten des THW gründlichst mit Spezialgerät untersucht.

Eines der surrealsten Bilder sehe ich dann am nahen Laufenbacherhof. Da steht seit einer Woche ein Klavier mitten auf der Landstraße 73. Es kommt ja sowieso kaum jemand vorbei. Irgendwann finde ich auf Facebook ein Video und sehe, wie THW-Mitarbeiter darauf spielen.

Am Laufenbacherhof

Carmen Molitor

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