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Im einzigen Wahllokal

Weil die Infrastruktur in den Gemeinden so stark zertört wurde, öffnet am Tag der Bundestagswahl 2021 nur ein einziges Wahllokal in der Verbandsgemeinde Altenahr. Es ist im Hotel Am Rossberg bei Kalenborn untergebracht, dem Ausweich-Sitz der Verwaltung. Ein kurzer Besuch zur Mittagszeit.

Das Hotel Am Rossberg hat schon mal bessere Tage gesehen. Hier und da bröckelt der Putz, auf dem Tennisplatz gleich nebenan wird zwar trainiert, aber die ganze Anlage an der Kalenborner Höhe wirkt abgerockt und etwas ungepflegt. Sie ist durch die Sommerrodelbahn bekannt, auf der Familien an den Wochenenden ihre Zeit verbringen und die auch an diesem Sonntag schon die ersten Gäste anzieht.

Durch die Flutkatastrophe erlebt das Hotel jetzt eine kleine Renaissance: Es ist, nachdem das Rathaus in Altenahr stark beschädigt wurde, zum offiziellen Sitz der Verbandsgemeinde mit ihren 11.000 Einwohnerinnen und Einwohnern geworden. Und es ist heute am Tag der Bundestagswahl für deren Wahlberechtigte der einzige Ort, wo sie wählen gehen können.

In allen Orten der Verbandsgemeinde Altenahr hatten zuvor zehn Tage lang Wahlbusse immer wieder Halt gemacht – insgesamt 80 Mal. Hier konnten die Wahlberechtigten ihre Briefwahlunterlagen abholen oder in provisorischen Wahlkabinen ihre Stimme schon vorab abgeben. Den Übrigen bleibt heute, am Tag der Wahl selbst, nur noch die Möglichkeit, zum Rossberg zukommen.

Auf dem Parkplatz herrscht moderater Betrieb, oft steigen ganze Familien oder Gruppen, die sich aus einem Ort zu Fahrgemeinschaften zusammengeschlossen haben, aus den Fahrzeugen. Längst nicht jeder hat ja im Ahrtal noch ein Auto.

Manche Bekannte treffen sich unerwartet das erste Mal seit der Flutnacht wieder und wechseln kurz ein paar Worte in der kleinen Warteschlange vor dem Wahllokal.

„Alles furchtbar! Wie geht es euch?“

„Tja, was soll man sagen? Vom Kühme wird es nicht besser!“

„Stimmt.“

„Habt Ihr die Mutter nicht dabei?“

„Ne, dann steckt die sich nachher noch mit Corona an. Das können wir echt nicht brauchen!“

Ein paar Leute kommen vorbei, um nur schnell ihre Briefwahlunterlagen abzugeben. Sie sind noch nicht ganz zurück am Auto, da läuft ihnen ein Wahlhelfer hinterher: „Sie müssen die Unterlagen auch noch in den anderen Umschlag reinstecken, sonst gilt das nicht.“ Gesagt, getan, Stimme gerettet.

Es herrscht kein großer Andrang, aber ein reges Kommen und Gehen. Immer wieder gibt es eine kleine Warteschlange vor dem Wahlraum, manchmal bis zur Treppe hinunter. Behindertengerecht ist der Zugang nicht. Eine ältere Frau quält sich sichtlich, bis sie langsam die 14 Stufen überwunden hat. Auf die Coronaprävention inklusive Desinfektionsspendern und Kugelschreibersäuberung wurde aber peinlichst geachtet.

Ich bin gespannt auf die Ergebnisse – und vor allem auf die Info zur Wahlbeteiligung. Es hatte Unkenrufe gegeben, dass die Leute aus Protest gegen so manches Missmanagement nach der Flut bestimmt nicht wählen gehen oder extremen Parteien zusprechen würden. Beides hat sich, wie ich später erfahre, zum Glück nicht bestätigt.

Vor dem Wahllokal am Rossberg.

Carmen Molitor

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